Dienstag, 13. Oktober 2009
gazing paintings is verfickte intellectual activity
bildbetrachtung, also malerei, ist eine ganz verfickte intellektuelle angelegenheit. und jeder, der erzählen mag, er steht darauf, sich im museum eine unüberschaubare anzahl von gemälden reinzuziehen, der lügt schlichtweg - oder ist ganz genie und befindet sich außerhalb jeglichen maßstabs. bildbetrachtung braucht zeit, wiederholte zeit, mehrmaliges ansehen. aus dem einfachen grund, dass sich ein bild eben 'nur' betrachten lässt, kein weiteres sinnesorgan ist an der erfassung der betrachtung und denkanregung beteiligt. was denkt man denn so während der ach so intensiven bettrachtung und wie viel denkt man tatsächlich und wie groß ist schließlich der anteil an gedanken, die während der betrachtung tatsächlich auf das bild verwendet werden ? man schaut auf das bild, in das bild, am bild vorbei und was passiert dabei ? überschäumende gefühlsregungen oder fraglose heuchelei gegenüber fragwürdigem interesse ? wo liegt das verständnis für die inhaltliche erfassung des bildes ? auf das bild schauen, würde bedeuten, selbst initiativ zu denken anzufangen, selbst die worte zu formulieren, mit denen man sich das bild erklärt, mit denen man das verständnis für das bild sucht, mit denen man erklärungswegen nachgeht. man müsste das bild mit innerlichen worten kleiden - was vor sich selbst nicht formuliert werden kann und wird, wird auch nicht verstanden, weil leider verstehen wir uns eben recht wie schlecht auf sprache. und wollte man das bild verstehen, so setzt dies eben voraus in der lage zu sein, seine eindrücke in worte zu fassen, sich auszudrücken, das bild auszudrücken, um vielleicht aus diesen beiden positionen heraus eine verstehensannäherung zu finden. sprache ist das mittel, mit dem ich verstehe; was ich nicht ausdrücken kann, kann ich nicht verstehen - schlicht hermeneutisch. was gänzlich fremd ist, kann nicht verstanden werden, irgendeinen anknüpfungspunkt muss es geben. sehen alleine reicht aber nicht aus, das bild zu erschließen. das sehen ohne die worte ist ein blinder fleck. mit der bildbetrachtung sollte also eigentlich auch ein denkprozess im sinne von in-worte-fassen gegenüber der betrachtung einsetzen - wollte man sich halbwegs aufrichtig um ein verständnis bemühen. natürlich gibt es ein vorwissen, auf das man sich berufen kann. und kontexte und technik und material und historische bezüge und so, so viele anspielungen - das lässt sich mit einem blick erfassen. wirklich ? und dieses geschulte vorwissen ist natürlich abrufbar und einsetzbar. das sehen ist ein impuls, der den denkanstoß geben soll und dann noch nicht mal ein gefühlter, weil fühlen ja intensiver und mit den ganzen gefühlen setzt das denken schneller ein, weil mit gefühlen kennt sich jeder mehr oder minder aus, die begleiten uns schon pränatal, das ist im vergleich zu abstrahiertem denken eine sichere bank. es geht einfacher, das bild der betrachtung nicht in worten zu denken, sondern wieder in bildern, also nochmals vor dem inneren auge abbilden und das dann fälschlicherweise für intensive reflexion halten. mit etwas anstrengung mag es gelingen, das bild zweimal zu sehen: zum ersten das objekt als äußeres wahrgenommen, unreflektiert, zum zweiten das objekt nochmals in gedanken -wahnsinnsleistung- abgebildet, was auch nicht wirklich einer reflexion gleichkommt, sondern eher ein wiederholungsakt, was aber einen lern- und verständigungseffekt haben kann, weil wiederholungsakte auch eine art lernmethode; repetition ist eine annäherung, approximatives lernen. aber die erneute abbildung vor dem inneren auge generiert noch keinerlei wissen. die bildbetrachtung erforderte genaues betrachten und genaues beschreiben, was wiederum eine ziemlich genaue worterfassung bedeutet, die ein nachdenken unabdingbar macht. und wer fordert sich jetzt stillschweigend und begehrlich selbst zum gespräch mit sich und dem bild heraus ? und wer denkt sich, das ist intutitiv ja alles erfasst, rundumschlag ? wer, der vielen hingebungsvollen museumsbetrachter gewährt dem bild diese aufmerksamkeit einer intensiven, innerlichen ekphrasis ? die dem bild immanente schwierigkeit liegt in seiner zweidimensionalität begründet: das bild lässt sich weder anfassen, noch riechen oder sonstwie spüren, was den akt des in-worte-fassens vereinfachen würde. mehr zugänge, kanäle der wahrnehmung konkretisieren die idee, die sich dahinter verbergen mag bzw. schaffen anreize, den trägen geist zur verarbeitung zu fordern. das alleinge sehen löst in den wenigsten fällen soviel druck aus, der gedanken und worte eovziert. mehr gefühlszugänge, -wahrnehmungen und -erfahrungen lösen diesen druck automatisch aus, weil man sich emotionen so schlecht verweigern kann.
1. sehen alleine fordert kein nachdenken ein
2. sehen, das versteht, erfordert wiederholtes betrachten als überprüfung der ersten gedanken, eine art wiederholende lektüre unter anderen aspekten oder weiteren aspekten oder zumindest auf der suche nach der möglichkeit von weiteren aspekten, die bislang nicht gesehen werden konnten, weil der blick ein zusammenhangsloses sehen bis dahin war. das hermeneutische verstehen braucht die missverständnisse, die das verstehen aufdecken.
und welcher ottonormalverbraucher, und damit sind nicht die sogenannten bildungsfernen schichten gemeint, sondern der durchschnittliche sogenannte bildungsbürger, geht mit fundierten vorkenntnissen, die ein weiteres erschließen und kontexterfassung ermöglichen, die zu betrachtenden gemälde an oder mit der erforderlichen betrachtungssorgfalt um anschließend behaupten zu können, man habe sich bilder betrachtet ? die museen stürmen, wofür ? um etwas verstanden zu haben ? um dort gewesen zu sein ? bild betrachtung ist in höchstem maße eine intellektuelle höchstleistung. weil nachdenken so schwierig ist, so viel konzentration einfordert, die worte zur beschreibung, zum verständnis zu formulieren vor sich selbst, für sich in der stille der betrachtung. eigentlich sollte bildbetrachtung immer im austausch, im gespräch stattfinden, dadurch würde der zusätzliche kanal an aufmerksamkeit geschaffen in einen diskurs zu treten, den austausch, das gespräch, die verständigung zu erzwingen und dadurch auch die worte, die das mittel der reflexion sind. egal, welchen schluss man schließlich aus der bildbetrachtung zieht, egal wie absurd, lächerlich oder sonstwie die erklärung sich gestalten mag, es ist in jedem falle eine höhere gedankliche leistung, als vor dem bild zu verharren und meinen, dazu eine empfindung zu spüren und sich dem nächsten bild nach zehn minuten zu widmen.

die ganzen museumsbesucher, eintagsfliegen der kunst, sind allesamt lügner der bildung und verweigerer der ernsthaftigkeit.

natürlich lässt sich das erfassen üben, trainieren, auch schematisieren, was nichts schlechtes ist, denn mit einem raster zu arbeiten lassen sich erste gedanken und ideen finden um dann vielleicht präzisiert zu werden, weil das raster eben lücken aufweist. betrachtungen sind schon übungssache wie genaues lesen, wie reflektierte lektüre. aber das bedeutet viel lesen und viel zeit für die lektüre und für das nachwirken derer. es sind die wenigsten offenwunde genies, die mit einem blick ein verstehen erfassen, lautlos und präzise wie ein gedankliches schnellschussgewehr, weil verstehen immer eine schmerzliche angelegenheit. in diesem falle für die anderen, die vor scham versinken, dass sie vom klaren geistesblick eines anderen getroffen wurden, der ihnen fehlt und was für einen moment unangenehm wahrgenommen wird, ein unbehagen streift dann die oberflächlichkeit, die dann mit den ihr zur verfügung stehenden mittel schnellstens wieder die oberhand erhält. unbehagen ob der fehlenden intellektuellen leistung und unbehagen ob der ahnung intellektuelle leistungen nur vorzugeben.

bilder sind wahrlich eine stille opposition, können sich nicht gegen die ignoranz ihrer betrachter aussprechen und mnüssen intelligenzarmut und einfallslosigkeit über sich ergehen lassen.

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Interessante Gedankengänge
sind das. Im wesentlichen folge ich ihnen. Allerdings möchte auf die Möglichkeit des unakademischen Betrachtens hingewiesen sein. Manch einer ist über genüßliches Anschauen ans Nachdenken über die Kunst gekommen. Ich kenne einige. Obendrein ist der Prozeß, über den die Kunst zur Kunst wird, wahrlich nicht immer ein intellektueller. Man muß das nicht berücksichtigen, aber man sollte es. Es würde manches erleichtern. Und der Kunst mehr Freude an ihr zuführen.

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der ideale rezipient
genüssliches anschauen ist fraglos ein kunstdienlicher zugang. nur bedeutet genüsslich gleichfalls zeitintensiv bzw. die bereitschaft zeit nicht zu nutzen, sondern zu geben, damit raum für genussentfaltung entsteht und die muße sich darin entzünden kann. die muße will ja nicht denken, sondern gedanken(ab)schweifendes spiel haben, was dann tatsächlich nachdenken nachhaltig initiiert. fragwürdig bleibt, ob die zweidimensionalität des kunstwerkes im auge des betrachters jene intensität bewirkt, mit und vor der kunst stille zu halten und ein idealer, wissensbefreiter rezipient zu sein.
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